By Published On: 24. März 2025Categories: Digitalisierung, Inklusion, Kommunikation, Soziales

Leichte Sprache entstand aus der Empowerment-Bewegung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und entwickelte sich zu einem zentralen Instrument für barrierefreie Kommunikation (Bredel & Maaß 2016, S. 65–66). Durch die UN-Behindertenrechtskonvention (2009), die das Recht auf verständliche Informationen stärkte (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung 2022, 11, 18, 19), gewann Leichte Sprache an politischer und gesellschaftlicher Bedeutung, als Instrument zur barrierefreien Kommunikation und Teilhabe. Gleichzeitig gibt es Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Qualität und Akzeptanz (Bredel & Maaß 2016, S. 58–59). Ein wichtiger Schritt zur Qualitätssicherung wurde mit der neuen DIN SPEC 33429 für Leichte Sprache unternommen.


Gesetzliche Rahmenbedingungen

Die Umsetzung der UN BRK legt den Grundstein für zahlreiche gesetzliche Anpassungen im Bereich der Barrierefreiheit. Die zunehmende Anerkennung der Leichten Sprache spiegelt sich auch in den gesetzlichen Vorgaben wider. Besonders relevant sind die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung BITV 2.0, die öffentliche Stellen zur barrierefreien Gestaltung digitaler Angebote verpflichtet (Bundesfachstelle Barrierefreiheit o. J. b), das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) mit seinem Anspruch auf sprachliche Barrierefreiheit (Bundesministerium der Justiz o. J.) sowie das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) das ab Juni 2025 barrierefreie Produkte und Dienstleistungen fordert (Bundesfachstelle Barrierefreiheit o. J. a; Sieghart & Gorbach 2024, S. 11).


Ziel und Zielgruppe

Leichte Sprache zielt auf bessere Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten und Inhalten ab. Sie richtet sich an „Menschen mit Lernschwierigkeiten und weitere Personen, die von Leichter Sprache profitieren“ (DIN Deutsches Institut für Normung e.V. 2023, S. 7). Studien zeigen, dass etwa 18 % der deutschen Bevölkerung Leseschwierigkeiten haben (Rammstedt & Maehler 2014, S. 26–27). Demnach kann eine beachtliche Anzahl von Menschen leichter Zugang zu Informationen erhalten.


Konzept und Funktion

Leichte Sprache ist eine sprachlich und inhaltlich vereinfachte (Bock & Pappert 2023, S. 18) Form der deutschen Sprache, die auf einem regelgeleiteten System basiert (Bredel & Maaß 2016, S. 59). Sie umfasst sprachliche Vereinfachungen auf Wort-, Satz- und Textebene sowie Empfehlungen zur visuellen Gestaltung und zur Einbindung unterstützender Bilder. Entscheidend ist dabei die Orientierung an Zielgruppe und Nutzungssituation (DIN Deutsches Institut für Normung e.V. 2023, 7–27, 51). Bock betont zudem, dass neben Regelwerken auch Angemessenheitsfaktoren für die Verständlichkeit im jeweiligen Kontext berücksichtigt werden müssen (Bock 2018, S. 14–17). Nach Bredel und Maaß erfüllt Leichte Sprache drei zentrale Funktionen:

  • Partizipationsfunktion: Sie ermöglicht Zugang zu Information und fördert gesellschaftliche Teilhabe.
  • Lernfunktion: Sie unterstützt den Erwerb und die Erweiterung der Sprachkompetenz.
  • Brückenfunktion: Sie erleichtert das Verständnis von Standardtexten (Bredel & Maaß 2016, S. 56–59).

Herausforderungen und kritische Diskussion

Die Umsetzung von Leichter Sprache ist eine komplexe Aufgabe, wobei bestehende Regelwerke keine ausreichende Grundlage für hochwertige Übersetzungen bieten (Bredel & Maaß 2016, S. 109). Mit der DIN SPEC 33429, deren überarbeitete Fassung im März 2025 erschienen ist (DIN Media 2025), sollen verbindliche Qualitätsstandards geschaffen werden, um Verständlichkeit und Einheitlichkeit zu verbessern (Schrader, Lindmeier, Meyer, Alberts 2021, S. 51.). Trotz dieser Standardisierungsbemühungen wird Leichte Sprache oft kritisch betrachtet, insbesondere aufgrund negativer Zuschreibungen (Bock 2015, S. 9–10). Einige Nutzer*innen empfinden sie als stigmatisierend, was ihre Akzeptanz erschwert (Bredel & Maaß 2016, S. 51). Um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken, ist eine stärkere Aufklärung über die Funktion von Leichter Sprache als barrierefreie Kommunikationsform erforderlich. Eine ästhetisch-seriöse sprachliche und visuelle Gestaltung tragen zudem dazu bei, die gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern (Bock 2024, S. 51–52). Außerdem ist Leichte Sprache ein noch wenig erforschtes Kommunikationskonzept. Empirische Studien zur Verständlichkeit und Wirksamkeit sind notwendig, um die praktische Anwendung zu verbessern und gleichzeitig die gesellschaftliche Akzeptanz der Leichten Sprache als wichtiges Instrument der Partizipation zu fördern (Bredel & Maaß 2020, S. 265–267).

Ein weiteres Spannungsfeld ist der Einsatz von KI-Tools bei der Erstellung von Texten in Leichter Sprache. Diese können die Übersetzung unterstützen, zeigen jedoch Schwächen in der logischen Verknüpfung von Inhalten auf. Die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT-Bund) stellt fest: „KI-Übersetzungstools versprechen schnelle Ergebnisse, erfüllen jedoch die Anforderungen an Verständlichkeit und gesetzeskonforme Barrierefreiheit bisher nicht vollständig“ (Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik o. J.). Eine sorgfältige Nachbearbeitung durch Fachkräfte und die Einbeziehung der Zielgruppe bleiben unerlässlich.


Fazit

Leichte Sprache ist ein wesentliches Instrument für barrierefreie Kommunikation und Inklusion. Die DIN SPEC 33429 stellt einen wichtigen Schritt zur Qualitätssicherung dar. KI-Tools können den Übersetzungsprozess unterstützen, jedoch garantieren sie keine barrierefreien Texte. Für qualitativ hochwertige Ergebnisse bleiben Fachexpertise und Einbindung der Nutzer*innen erforderlich. Angesichts der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung und der beschriebenen Herausforderungen sind empirische Studien zur Weiterentwicklung des Konzeptes dringend erforderlich. Durch systematische Forschung können Qualitätsstandards wissenschaftlich fundiert und die Wirksamkeit der Leichten Sprache als Instrument der Partizipation nachhaltig gesichert werden.

Literaturverzeichnis

Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung (2022), Die UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, in: https://​www.behindertenbeauftragter.de​/​SharedDocs/​Downloads/​DE/​AS/​PublikationenErklaerungen/​Broschuere_​UNKonvention_​KK.pdf?__​blob=publicationFile&v=19, abgerufen am 19.2.2025.

Bock, B. M. (2015), Anschluss ermöglichen und die Vermittlungsaufgabe ernst nehmen. 5 Thesen zur leichten Sprache, Didaktik Deutsch, 20. Jg., Nr. 38, S. 9–17.

Bock, B. M. (2019), „Leichte Sprache“ – Kein Regelwerk. Sprachwissenschaftliche Ergebnisse aus der Leipziger LeiSA-Studie. Berlin: Frank & Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur

Bock, B. M. (2024), Was ist ein „guter“ leichter Text? Angemessenheit als Kriterium für Textqualität. In: Sieghart, S./Gorbach, R. P. (Hrsg.), Gutes Design für Leichte Sprache. Praxis und Theorie zur DIN SPEC 33429, S. 48–63. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt

Bock, B. M./Pappert, S. (2023), Leichte Sprache, Einfache Sprache, verständliche Sprache. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Bredel, U./Maaß, C. (2016), Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen Orientierung für die Praxis, Berlin: Duden Verlag.

Bredel, U./Maaß, C. (2020), Leichte Sprache. In: Maaß, C./Rink, I. (Hrsg.), Handbuch Barrierefreie Kommunikation, S. 251–271. Berlin: Frank & Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur

Bundesfachstelle Barrierefreiheit (o. J. a), Der „European Accessibility Act“, in: https://​www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de​/​DE/​Fachwissen/​Produkte-und-Dienstleistungen/​European-Accessibility-Act/​european-accessibility-act.html, abgerufen am 22.2.2025.

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Bundesministerium der Justiz (o. J.), Gesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, in: https://​www.gesetze-im-internet.de​/​bgg/​index.html, abgerufen am 22.2.2025.

DIN Deutsches Institut für Normung e.V. (2023), DIN SPEC 33429:2023-04, Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache. Entwurf, Berlin: DIN Media GmbH.

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Rammstedt, B./Maehler, D. B. (2014), PIAAC: Eine internationale Studie zur Untersuchung von Alltagsfertigkeiten Erwachsener, Die Zeitschrift für Erwachsenenbildung, 21. Jg., Nr. 3, S. 26–29.

Schrader, S./Lindmeier, B./Meyer, D./Alberts, M. (2021), Büros für Leichte Sprache. Eine bundesweite Studie zur Bestandsaufnahme der Tätigkeiten und Entwicklungstendenzen, Teilhabe, 60. Jg., Nr. 2, S. 50–56.

Sieghart, S./Gorbach, R. P. (Hrsg.) (2024), Gutes Design für Leichte Sprache. Praxis und Theorie zur DIN SPEC 33429, Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt

Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (o. J.), Publikationen – Fachliche Einordnung von KI-Übersetzungstools für Leichte Sprache, in: https://​www.bfit-bund.de​/​DE/​Publikation/​Stellungnahme-ki-tools.html, abgerufen am 21.2.2025.

Titelbildquelle

Titelbild: Leichte Sprache von Albers, S., o. J. unter https://shop.lebenshilfe-bremen.de/produkt/leichte-sprache/, Lizenz erworben, © Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers;

Nutzungsbedingungen unter https://shop.lebenshilfe-bremen.de/produkt/leichte-sprache/

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