By Published On: 21. März 2025Categories: Digitalisierung, Gesundheit, Pädagogik, Soziales

Herausforderndes Verhalten wie verbale und körperliche Aggression, Selbstverletzung oder starke Verweigerung, tritt bei Kindern mit intellektuellen Entwicklungsstörungen und Autismus-Spektrum-Störung besonders häufig auf. Studien zeigen, dass etwa 52 % der Schüler*innen mit einer intellektuellen Entwicklungsstörung (Dworschak, Ratz, Wagner, 2016) und sogar bis zu 95 % der Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung solches Verhalten zeigen (Tsiouris et al 2011 zitiert nach Meerson et al. 2024, S. 2). Dieses Problemverhalten beeinträchtigt nicht nur die Entwicklung und soziale Teilhabe der betroffenen Kinder, sondern stellt auch Betreuungspersonen vor große Herausforderungen. Fehlen effektive Bewältigungsstrategien können Hilflosigkeit und Stress zu restriktiven oder aversiven Reaktionen führen, die sowohl Betroffenen als auch Betreuende physisch und psychisch stark belasten (Meerson et al. 2024, S. 2). Forschungsergebnisse legen nahe, dass herausforderndes Verhalten den elterlichen Stress erhöht, was wiederum dysfunktionale Erziehungspraktiken verstärkt und das Verhalten weiter verschärfen kann (Neece, Green, Baker, 2016, S. 48). Die Ursachen für herausforderndes Verhalten sind komplex, sie umfassen sowohl individuelle als auch Umweltfaktoren wie Kommunikationsstörungen, sensorische Überempfindlichkeiten bis hin zu familiären Belastungsfaktoren. Interventionen für das elterliche Wohlbefinden (Frantz, Hansen, Machalicek, 2018, S. 73) und Verhaltenstherapeutische Ansätze können dem Kind nachweislich helfen, herausforderndes Verhalten zu reduzieren (Harvey, Boer, Meyer, Evans, 2009, S. 67; Postorino et al. 2017, S. 391). Jedoch ist der Zugang zu professioneller Unterstützung oft durch lange Wartezeiten und begrenzte Ressourcen erschwert (Päckert 2019, S. 84–86; Meerson et al. 2024, S. 3).


ProVIA Kids App als digitale Unterstützung

Die App ProVIA Kids („Problemverhalten verstehen und vorbeugen bei Intellektueller Entwicklungsstörung und Autismus-Spektrum-Störung“) kann Familien systematische Unterstützung bieten, Ursachen für herausforderndes Verhalten zu identifizieren und gezielte Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Zusätzlich bietet die App Maßnahmen zur Förderung des Wohlbefindens und zur Stressminderung der Betreuungsperson, um den Alltag für alle Beteiligten zu erleichtern (Universitätsklinikum Würzburg 2024).


Kernfunktionen von ProVIA Kids

Die App kombiniert Psychoedukation mit Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie identifiziert Risikofaktoren für herausforderndes Verhalten auf zwei Ebenen:

  • Situationsübergreifende Analyse: Betreuungspersonen erstellen ein persönliches Profil mit 20 Items, das unter anderem depressive Symptome, Schlafverhalten und Stress erfasst. Zusätzlich wird ein Profil für das Kind mit 69 Items zu Bedürfnissen, Kommunikationsfähigkeit und sensorischer Verarbeitung angelegt. Auf dieser Basis werden individuelle Risikofaktoren abgeleitet und Handlungsempfehlungen bereitgestellt.
  • Situationsspezifische Verhaltensanalyse: Nach dem Auftreten von herausforderndem Verhalten dokumentieren die Betreuungspersonen detailliert das beobachtete Verhalten, begleitende situative Faktoren, sensorische Reize sowie den physischen und psychischen Zustand des Kindes. Zudem erfassen sie die Konsequenzen des Verhaltens und deren Regelmäßigkeit (Meerson et al. 2024, S. 5–6). Die App nutzt eine algorithmusbasierte Verhaltensanalyse auf Grundlage des SORKC-Modells (Kanfer, Saslow 1969 zitiert nach Meerson et al. 2024, S. 6.), um problematische Risikofaktoren zu identifiziert und passende Interventionen vorzuschlagen.

Die App stellt die Analysen übersichtlich dar und speichert die Daten langfristig. Identifizierte Risikofaktoren werden über alle Verhaltensanalysen hinweg zusammengefasst und ihre relative Häufigkeit graphisch visualisiert. Dadurch können Betreuungspersonen wiederkehrende Verhaltensmuster erkennen, etwa wenn herausforderndes Verhalten in 70 % der Fälle in geräuschvoller Umgebung auftritt. Zudem bietet die App weiterführende Informationen zu Risikofaktoren und unterstützende Ressourcen für Betreuungspersonen. Diese Inhalte vertiefen das Verständnis für die Entstehung und Aufrechterhaltung herausfordernden Verhaltens und liefern wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zur Prävention (Meerson et al. 2024, S. 6–7).


Überblick zur Pilotstudie

Eine Pilotstudie mit 23 Familien über einen Zeitraum von 8 Wochen zeigt vielversprechende Ergebnisse (Meerson et al. 2024, S. 1, 4). Bereits in dieser kurzen Untersuchungszeit konnte eine deskriptive Reduzierung der Intensität herausfordernden Verhaltens beobachtet werden, was auf potenzielle langfristige Vorteile der App hinweist. Zudem reduzierte sich das Stresserleben der Betreuungspersonen im Kontext mit herausforderndem Verhalten, obwohl gleichzeitig eine Stresszunahme durch das Gefühl der Inkompetenz beschrieben wurde (Meerson et al. 2024, S. 11–14). Aktuell wird im Folgeprojekt ProVIA-Teams eine App-Version entwickelt, die durch Vernetzung die Zusammenarbeit verschiedener Bezugspersonen erleichtert. Zudem ist eine weitere Version in Planung, die betroffene Kinder direkt durch ein Frühwarnsystem und Regulierungsstrategien unterstützen soll (Universitätsklinikum Würzburg o. J.).    


Fazit: Eine vielversprechende Ergänzung zur Therapie

ProVIA Kids zeigt, wie digitale Technologien den Betreuungsalltag und die Lebenssituation betroffener Kinder nachhaltig verbessern können. Die App bietet eine niederschwellige, kostenfreie und evidenzbasierte Unterstützung für Familien mit Kindern, die herausforderndes Verhalten zeigen. Durch die Kombination aus individueller Datenerhebung, personalisierten Handlungsempfehlungen und langfristiger Erkennung von Verhaltensmustern kann sie bei längerer Nutzung sowohl das Verhalten des Kindes als auch die psychische Gesundheit der Betreuungsperson positiv beeinflussen. Die Passgenauigkeit der Handlungsempfehlungen und Mustererkennung hängt maßgeblich von der Beobachtung, Datenerfassung und Verhaltensanalyse durch die Betreuungspersonen ab. Ob die Studienteilnehmer dazu in der Lage waren, wurde nicht überprüft (Meerson et al. 2024, S. 13–14). Inwiefern eine fachliche Einführung in die Verhaltensanalyse sich auf die Effektivität der Intervention auswirkt, sollte weiter erforscht werden. Die Weiterentwicklung der App in ProVIA-Teams und die geplante Erweiterung für die direkte Nutzung durch Kinder mit intellektueller Entwicklungsstörung oder Autismus-Spektrum-Störung, versprechen weitere Fortschritte in der digitalen Unterstützung.


Literaturverzeichnis

Dworschak, W.; Ratz, C.; Wagner, M. (2016): Prevalence and putative risk markers of challenging behaviour in students with intellectual disabilities. Hg. v. Science Direct. Online verfügbar unter https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0891422216301743?via%3Dihub, zuletzt geprüft am 02.02.2025.

Frantz, R.; Hansen, Sarah G.; Machalicek, W. (2018): Interventions to Promote Well-Being in Parents of Children with Autism: a Systematic Review. In: Research in developmental disabilities 5 (1), S. 58–77.

Harvey, S. T.; Boer, D.; Meyer, L. H.; Evans, I. M. (2009): Updating a meta-analysis of intervention research with challenging behaviour: treatment validity and standards of practice. In: Journal of intellectual & developmental disability 34 (1), S. 67–80. .

Meerson, R./Buchholz, H./Kammerer, K./Göster, M./Schobel, J./Ratz, C./Pryss, R./Taurines, R./Romanos, M./Gamer, M./Geissler, J. (2024), ProVIA-Kids – outcomes of an uncontrolled study on smartphone-based behaviour analysis for challenging behaviour in children with intellectual and developmental disabilities or autism spectrum disorder, in: https://​www.frontiersin.org​/​journals/​digital-health/​articles/​10.3389/​fdgth.2024.1462682/​full, abgerufen am 2. 2. 2025.

Neece, C. L.; Green, S. A.; Baker, B. L. (2016): Parenting Stress and Child Behavior Problems: A Transactional Relationship Across Time. In: American journal on intellectual and developmental disabilities 117 (1), S. 48–66.

Päckert, J. (2019): Stationäre und ambulante Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung und psychischen Störungen in den Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Universität Rostock. Rostock, Deutschland. Online verfügbar unter https://rosdok.uni-rostock.de/file/rosdok_disshab_0000002215/rosdok_derivate_0000081813/Paeckert_Dissertation_2019.pdf, zuletzt geprüft am 08.02.2025.

Postorino, V.; Sharp, W. G.; McCracken, C. E.; Bearss, K.; Burrell, T. L.; Evans, A. N.; Scahill, L. (2017): A Systematic Review and Meta-analysis of Parent Training for Disruptive Behavior in Children with Autism Spectrum Disorder. In: Clinical child and family psychology review 20 (4), S. 391–402. .

Universitätsklinikum Würzburg (o. J.): Digitale Medizin / iAGDM: Digitalisierungsprojekte. Kinder- und Jugendpsychiatrie: Smartphone-App ProVIA-Kids. Universitätsklinikum Würzburg. Würzburg. Online verfügbar unter https://www.ukw.de/interdisziplinaere-einrichtungen/digitale-medizin-iagdm/digitalisierungsprojekte/, zuletzt geprüft am 09.02.2025.

Universitätsklinikum Würzburg (2024): Herausragende Arbeiten zu herausforderndem Verhalten. Würzburg. Online verfügbar unter https://www.ukw.de/medien-kontakt/presse/pressemitteilungen/detail/news/herausragende-arbeiten-zu-herausforderndem-verhalten/, zuletzt geprüft am 01.02.2025.

Titelbildquelle

Titelbild von Keira Burton veröffentlicht am: 18.01.2021 unter www.pexels.com/de-de/foto/frustration-kind-angstlich-nervenzusammenbruch-6624309 abgerufen am 02.03.2025

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